Universität Flensburg

Ukraine – transkulturell

Das Seminar „Textilethnologie“ führte Studierende im Wintersemesters 2009/10 nach Lemberg (L’viv), Ukraine.

Recherchen im Freilichtmuseum machten die Studierenden mit tradierten Wohnformen vertraut. Zweckformen (Nutzung des Wohnraums) wie Kunstformen des Wohnens (repräsentative Ausgestaltung) wurden thematisiert.

In der Altstadt waren die schweifenden Blicke u. a. auf die Verzierungen der Häuserfassaden gerichtet. Lemberg ist eine Stadt des Jugendstils: Vielfältige Jugendstilornamente an Fenstern, Häuserfassaden, schmiedeeisernen Geländern und Balkonen beweisen dies sehr eindrucksvoll. Aber nicht nur die Häuserfassaden, auch die Inneneinrichtungen aus der Wendezeit vom Historismus zum Jugendstil konnten genauestens studiert werden. Diesen ungewohnt üppigen Formenreichtum hielten die Studierenden zeichnerisch fest. Ein Skizzen- wie Reisetagebuch diente dazu, die Eindrücke zu dokumentieren und sich auf eine „eigene Reise“ von Station zu Station und Fund zu Fund durch den Musterreichtum und die Ornamentvielfalt Lembergs zu begeben.

Hierzu gehörten unter anderem auch Studien im berühmten Ikonenmuseum der Stadt, in dem es den Studierenden entsprechend ihrer unüblichen Intention doch erlaubt wurde, einzelne Bildelemente extrahierend zu zeichnen. Ziel dieses ästhetischen Prozesses war es, eigene Interpretationen von fremden Musterbildungen zu finden, Symbole, Dekorelemente und deren Bedeutungen zu eruieren, um dann tradierte Konzepte und eigene Gedankenfragmente zu durchmischen, um schließlich eine persönlich zu interpretierende Muster- und Entwurfssammlung anzulegen. Aktuelle Variationen und neue Impulse auf der materialen wie auf der mentalen Ebene verdichteten dabei den Gestaltungsprozess. Am Ende des Prozesses stand die Transformation der grafischen Entwürfe auf textiles Material durch die in der Ukraine gepflegte Praxis des Stickens.

Jonna Schumann
Ria Seebode
Leonie Anheier

Bei diesem Vorhaben konnte das Konzept der Transkulturalität in den Fokus genommen werden, das nach Welsch (2002) ein neues Verhältnis der Kulturen durch Verflechtung und Durchmischung schafft. Übertragen auf die entstehenden Musterentwürfe standen folgende Fragestellungen an: Wodurch, zu welchem Zeitpunkt werden Kategorien wie „Fremd“, „Eigen“, „Tradition“, „Heimat“ oder „Zugehörigkeit“ angesprochen? Was können wir im eigenen textilen Arbeitsprozess beobachten? Wann lösen sich die Kategorien von „Fremd“ und „Eigen“ auf?

Zitate aus den Reisetagebüchern reflektieren diesen Prozess:

  • „Eigentlich mag ich keine verschnörkelten Muster, ich mag gerade Formen und Linien. (…) Aber ich muss mit dieser Idee weitermachen!“
  • „Das Symbol war mir sofort vertraut.“
  • „Dieser Prozess des Ineinander-Übergehens ist während der Exkursion auch in meinem Kopf passiert. Anfangs sah ich Unterschiede, die sich (…) zu vielen Gemeinsamkeiten wandelten.“
  • „Nach (dem Besuch) der Ukraine und ohne Vorurteile besteht das Muster aus mir, Deutschland und der Ukraine.“
  • „Wenn ich nun meine Muster ansehe, erkenne ich darin sowohl ukrainisches als auch mich selbst.“

Die Ergebnisse der Studierenden wurden vielfach als „ukrainisch-deutsch“ betitelt, um anzuzeigen, dass sich die Grenzen zwischen den regionalen Zuordnungen aufgelöst hatten.

Deniz Xenia Karabiber

Katja Laufer

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