Das didaktische Konzept der Ästhetischen Kommunikation
aus der Theorie ...
Ein wichtiger Bestandteil des Textilunterrichts ist der Dialog zwischen Selbst- und Sachwahrnehmung: Ästhetische Kommunikation. Auch im Alltag nehmen Außenwelt und Innenwelt des Schülers aufeinander Bezug. Subjekt und Objekt beeinflussen sich dabei gegenseitig, so dass es zu dialogischen Formungsprozessen kommt. Der Gestaltungsprozess findet dementsprechend auf verschiedenen Ebenen statt: Die sinnliche Wahrnehmung während des Gestaltungsprozesses mit unterschiedlichen textilen Materialien.
Die mediale Selbstkommunikation ergänzt die sinnliche Wahrnehmung durch handlungsbegleitende Gedanken. Der Schüler setzt sich dabei aktiv mit dem Werk auseinander.
Die Inbezugnahme von Schüler und Werk (Subjekt und Objekt) in Form einer internen Kommunikation. Durch die Auseinandersetzung mit dem Arbeitsprozess entsteht eine Beziehung zwischen dem Schüler und seiner Arbeit, wobei man zwischen verschiedenen Wirkungsweisen unterscheidet.
Dieser Prozess führt dazu, dass der Schüler seinen Arbeitsprozess selbst deuten lernt, interpretiert und reflektiert. Solche Bedeutungszuschreibungen im Kontext der eigenen Lebensgeschichte können zu Erkenntnissen über sich selbst führen. Im Mittelpunkt dieses Lehrinhaltes stehen jedoch keinesfalls therapeutische Intentionen, sondern die Förderung der „Selbstbildung“, sowie die Gestaltung der eigenen Lebenswelt. Je nach Lehrintention können die Schwerpunkte des Unterrichts sowohl auf Selbst- sowie auf Sachkompetenzen gelegt werden.
... in die Praxis
Ein Dialog zwischen Selbst- und Sachwahrnehung entwickelt sich durch Aufgabenstellungen, in welchen der Schüler einen gewissen Freiraum bekommt, so dass ein ästhetischer Prozess entstehen kann. In der Aufgabe „Ästhetische Forschung zum Epos Gilgamesch“ findet der Schüler durch einen Prozess von Recherche über Analyse und Experiment seinen eigenen „Pfad“. Er hat die Möglichkeit, verschiedene Materialien kennen zu lernen und damit zu experimentieren. Mithilfe eines Werktagebuchs, in welchem die Arbeitsschritte (objektiv) sowie mitlaufende Gedanken (subjektiv) festgehalten und reflektiert werden, erkennt der Schüler Zusammenhänge der ästhetischen Kommunikation und lernt den Prozess zu deuten. Es entwickelt sich ein „Dialog“ zwischen dem Schüler und seinem Werk.
Quelle: Vorlesungen „Ästhetische Kommunikation“ und „Künstlerische Grundlagen“ Wintersemester 05/06, Herr Norbert Schütz, Universität Flensburg, Institut für Ästhetisch-Kulturelle Bildung (i.Gr.) Fachbereich Textil
Das didaktische Konzept der Ästhetischen Infizierung
aus der Praxis ...
Bei dem Schulprojekt „Textile Wände – auf der Suche nach neuen Räumen“ im Jahr 2003 in einer Grundschule in der vierten Klasse haben die Schüler aus vier Keilrahmen einen 1,50 m hohen und 1 m breiten Würfel gebaut. Innerhalb von einem Schultag hatten alle Schüler ihren Rahmen fertig gestellt, da sie von der Idee, wie Große bauen zu dürfen, regelrecht infiziert waren. Das Umwickeln, Bespannen, Bemalen und Aufhängen hat ihre ästhetische Infizierung ausgelöst, belebt und weiter gereizt. Diese Motivation hatten einige Praktikanten mit selbst gebauten Beispielen und verschiedenen Bildern, Fotos und anhand eines Rätsels ausgelöst. Die Schüler waren so von vielen verschiedenen textilen Wänden infiziert und angeregt worden, dass der ästhetische Prozess ohne weitere Mithilfe der Lehrer wie von selbst laufen konnte. Bei diesem Schulprojekt waren den Gestaltungsmöglichkeiten und den Materialien keine Grenzen gesetzt.
... in die Theorie
Die Schüler benötigen häufig eine intensive Anregung, um ihrer Kreativität Ausdruck zu verleihen und sich mit einem neuen Gegenstand oder einem neuen Thema zu beschäftigen und ihren eigenen Gestaltungsausdruck zu finden. Durch diese subjektorientierte Fachdidaktik kann die Persönlichkeit weiter entwickelt werden und teilweise sogar ein „Heilungsprozess“ im Sinne von Problembewältigung stattfinden, da sich die Schüler mit bekannten Themen neu und auf unbekannte Weise auseinander setzen. Ästhetische Infizierungen können geschlechtsspezifisch, gesellschaftlich oder auch medial beeinflusst sein, in jedem Fall aber sind sie sehr individuell geprägt.
Der Lehrer, in oben genanntem Beispiel die Praktikanten, ist der Auslöser für die Infizierung und hat die Aufgabe, das Denken und Handeln der Schüler zu „stören“, damit neue und sinnliche Arbeitsprozesse entstehen können und das bekannte Arbeiten durchbrochen wird. Auf diese Weise macht der Schüler viele intensive ästhetische Erfahrungen, seine Persönlichkeit wird stärker und er lernt, sein Leben selbstbewusst zu gestalten.
Quelle: Kolhoff-Kahl, Iris; Textildidaktik. Eine Einführung; Auer Verlag, Donauwörth 2008, S.89 ff.
Das didaktische Konzept des Biografischen Lernens
aus der Theorie ...
Beim biografischen Lernen soll die Lebenswelt des Schülers in den Unterricht mit einbezogen werden. Dieser subjektorientierte Ansatz stellt den Schüler und seine eigenen Lebenserfahrungen mit textilen Dingen in den Mittelpunkt (und ist besonders als Einstiegsthema geeignet). Hier bringen die Schüler textile Gegenstände mit in den Unterricht und stellen diese vor. Sie werden neu gestaltet und ihre Geschichte erfahrbar gemacht. Der Lehrer hat die Möglichkeit, den Schüler beim Erfahren und Verstehen seiner Lebenswirklichkeit zu unterstützen und kann versuchen positiv auf die Identitätsentwicklung einzuwirken. Den Schülern macht das biografische Lernen Freude, da sie sich an Eigenes aus der Vergangenheit erinnern und davon berichten können. Beispielsweise erzählt ein Schüler: „Mein Lieblingskuscheltier ist ein Hund, den habe ich von meiner Oma geschenkt bekommen.“
... in die Praxis
In jeder Lebensgeschichte befinden sich Gegenstände, die man mit einer bestimmten Person oder einem Ereignis in Verbindung bringt. So sagt ein Mädchen: „Ich mag meinen Hampelmann, den habe ich zur Geburt von der Krankenschwester bekommen.“
Ein weiteres Beispiel eines textilen Gegenstands (der Pantoffel) und seine Funktionsvielfalt im alltäglichen Leben sind im Folgenden in Kürze zusammen gefasst.
- Die offene Sinngebung: Der Pantoffel ist ein Hausschuh, er ist ein funktioneller Gegenstand.
- Die persönliche Sinngebung: Der Pantoffel ist ein haariges Etwas, ein zu erforschendes Ding für das Baby.
- Die kreative und offene Sinngebung: Der Pantoffel wird als Hammer zum Nagel-in-die-Wand schlagen genutzt, er ist dann ein sinnentfremdeter Gegenstand.
- Die unverbindliche Sinngebung: Der Pantoffel ist eine Puppenwiege, er wird als Spielzeug und somit zweckentfremdet, nicht sachgerecht verwendet.
- Die persönliche Sinngebung: Der Pantoffel gehört dem Vater, wenn der Pantoffel nicht im Flur steht, ist der Vater nicht zu Hause.
Anhand der aufgeführten Beispiele wird verdeutlicht, wie komplex die menschliche Deutungsarbeit ist.
Quelle: Kolhoff-Kahl, Iris; Textildidaktik. Eine Einführung; Auer Verlag, Donauwörth 2008, S.102 ff.


