Christine Heil
Abstract zum Dissertationsvorhaben
Stand: 10. März 2005
Anstoß Kunst: Wie man sich kartierend mit aktueller Kunst auseinandersetzen und daraus Unterricht erfinden kann.
Meine Forschung setzt an der Schnittstelle zwischen Hochschule und Schule an. Im Kontext der Ausbildung von zukünftigen Kunstlehrern verstehe ich die Hochschule als einen Ort der Anregung für die Erfindung und Erprobung von didaktischen Konzepten. Dabei interessieren mich Konzepte von Unterricht nicht im Sinne von Fertigprodukten, die exakt nachzumachen sind, sondern im Sinne einer didaktischen Theorie, die sich immer in singulären Anwendungen einer jeweiligen Schulpraxis erst ereignen wird. Als Hochschullehrerin stellt sich mir deshalb die Frage: Wie rege ich Studierende an, pädagogische und didaktische Fragestellungen zu formulieren und ihnen nachzugehen? Im Kontext des Faches Kunst frage ich nach den besonderen Herausforderungen und nach neuen Möglichkeiten, die sich durch die kartierende Auseinandersetzung mit aktueller Kunst ergeben.
Grundlage meiner Untersuchungen und Anlass für die Entwicklung didaktischer Rahmungen ist ein Fachseminar-Praktikum über zwei Semester, das ich an der Universität Flensburg durchgeführt habe. Die Studierenden wählten individuell eine künstlerische Arbeit im öffentlichen Raum Hamburgs aus, zu der sie selbst künstlerisch kartierend arbeiteten. Über ihren Prozess der Auseinandersetzung tauschten sie sich mit den anderen Seminarteilnehmern theoretisch wie praktisch aus. Neben dem Sprechen über die eigenen Produkte und Erfahrungen, die Praxisformen des Kartierens, fanden Aktionen und performative Arbeitsaufträge vor und mit den anderen Seminarteilnehmern statt. Jeweils zwei Studierende haben im Wintersemester auf der Grundlage ihrer individuellen Kartierungen gemeinsam eine Projektwoche in einer 8. Hauptschulklasse entwickelt und durchgeführt. D.h. im Bezugsraum von jedem Unterrichtsteam standen zwei künstlerische Arbeiten und die daran entdeckten Auslöser für Provokationen, neuen Sichtweisen und Praktiken.
Aus den Aufgabenstellungen
1. Aufgabe zur ersten Exkursion nach Hamburg
- Entscheiden Sie sich für eine künstlerische Arbeit, die ab 1990 entstanden und die im öffentlichen Raum Hamburgs zu finden ist.
- Entscheiden Sie sich für ein Medium, mit dem Sie experimentelle Formen der Auseinandersetzung mit der künstlerischen Arbeit und sich selbst erfinden. Ihr Medium kann ‚alt‘ oder/und ‚neu‘ sein (Fotokamera, Videokamera, Tonbandgerät, Zeichnen, Schreiben oder mehreres gleichzeitig).
- Ihre Auseinandersetzung vor Ort ist der Beginn Ihrer Kartierung. Setzten Sie den Arbeitsprozess in Flensburg fort.
2. Aufgabe zur zweiten Exkursion nach Hamburg
- Setzen Sie einen Schwerpunkt, der sich aus Ihrem eigenen Auseinandersetzungsprozess und Ihren bisherigen Erfahrungen ergibt (d.h. Sie müssen nicht der künstlerischen Arbeit gerecht werden, sondern Ihnen selbst). Fragen Sie sich: Was fasziniert, provoziert, verunsichert oder irritiert mich seit der ersten Begegnung bzw. was zieht sich wie ein roter Faden durch meine Kartierungen?
- Führen Sie eine performative Aktion vor der künstlerischen Arbeit durch oder entwerfen Sie eine performative Aufgabe, mit der sich die anderen SeminarteilnehmerInnen der künstlerischen Arbeit in Hinsicht auf Ihren thematischen Schwerpunkt annähern. Organisieren Sie eine geeignete Dokumentation und ggf. der entstehenden Ergebnisse.
Zentral für meine Untersuchungen ist der Begriff der Kartierung. Er steht für eine Erkenntnispraxis, die nicht nur in wissenschaftlichen Zusammenhängen oder zur Benennung von alltäglichen Handlungsweisen des Ordnens (vgl. das englische Wort 'mapping') gebraucht wird, sondern in kunstdidaktischen Überlegungen und vor allem in Tendenzen der aktuellen Kunst verstärkt aufgegriffen wird. Kartierungen umfassen Vorgehensweisen des Beobachtens, Sammelns und Aufzeichnens sowie das dabei entstehende Beziehungsgefüge zwischen dem Beobachter und seinen Beobachtungen sowie innerhalb der Dokumentationen. Zwischen ganz unterschiedlichen Wahrnehmungsweisen und medialen Produkten, von der schriftlichen Notiz, der gezeichneten Linie über Foto- oder Video-Dokumentationen bis zu inszenierenden und performativen Handlungen sowie dem Denken in virtuellen Netzen, kann nach Momenten des Herstellens von Zusammenhängen gesucht werden.
Am Beispiel der Landkarte wird deutlich, dass eine Kartierung keine direkte Abbildung, keine lineare Projektion vom realen Raum in einen symbolischen ist, sondern eine Abbildung nach bestimmten Spielregeln. Das Territorium, verstanden als Metapher für den betrachteten Ausschnitt des realen Raumes bzw. das Feld der Kartierung, ist nicht die Karte. Vielmehr entstehen das Territorium gleichzeitig mit der Karte und die Karte mit dem Territorium. Karte und Territorium machen nur in ihrer Wechselwirkung Sinn.
Damit erfordern Kartierungsprozesse eine Haltung, die ein Bewusstsein für das Wie des eigenen Handelns ermöglicht. Es wird beobachtbar, wie das Handeln nach dynamisch sich bildenden Spielregeln ein singuläres Vorgehen erst erzeugt. Kartierungen sind Vorgehensweisen, die komplex bleiben und nicht hierarchisieren. Kartierungen sind mehrdimensional, fiktiv und experimentell. Genau diese Eigenschaften des Kartierens regen einerseits zu Prozessen der Auseinandersetzung mit Kunst an und sie liefern andererseits eine Vielfalt von medialen Spuren, die eine Selbstreflexion sowie einen Austausch und das Verhandeln über diese dialogischen Prozesse innerhalb des Seminars sowie in einer Klasse überhaupt ermöglichen.
Kunst strukturiert mögliche Bezugnahmen
Mit der Kartierung ist keine 'Methode der Auslegung' bestimmter Kunst gemeint. Vielmehr wirft aktuelle Kunst, indem sie bisherige Annäherungs- und Verständnis-Formen sinnlos macht, die Frage nach neuen Formen des Umgangs und der Annäherung auf. Kunst, die selbst Vermittlungsprozesse und Kommunikations-Strukturen zum Thema hat, zeigt gleichzeitig Formen der Orientierung auf, die auch für ältere Kunst sinnvoll sein können.
Was zwischen einer künstlerischen Arbeit und einem Betrachter- bzw. "Anwender"-Subjekt passiert, spielt sich in einem imaginären Raum ab und ist nicht fassbar. Der Raum zwischen Subjekt und Werk vermittelt sich nur symbolisch, z.B. sprachlich und in medialen Übergängen. Indem ein kartierender Betrachter selbst zum Handelnden wird, lässt sich daran fragen, inwieweit die Kunst selbst Vorgehensweisen und Sichtweisen erzeugt, die für den Beginn und den weiteren Verlauf einer Dialogaufnahme notwendig sind. Lasse ich mich auf eine künstlerische Arbeit ein, konstruiere ich sie erneut in meinem Bewusstsein. Sind durch sie bestimmte Kommunikationsformen vorgegeben, entwickle ich eine spezifische Bezugnahme. Die Struktur der künstlerischen Arbeit beeinflusst, lenkt und verändert meine Wahrnehmung.
Weitere wichtige Begriffe für meine Untersuchungen, wie aus der Auseinandersetzung mit Kunst neue Bedeutungsräume und Beziehungsgefüge entstehen, sind neben der Kartierung
- das Performative, das erlaubt, etwas in Erscheinung treten zu lassen, das diskursiv nicht verhandelbar wäre,
- mediale Übergangsräume,
- Konstellationen und die Artikulationen, durch die Prozesse der Bedeutungsfindung thematisiert werden, sowie
- Rahmungen bzw. das Framing, die Handlungsebenen als dynamische Bezugsperspektiven deutbar machen.
Zum Stand meiner Forschung
Meine derzeitige Forschungsperspektive richtet sich auf die vergleichende Zusammenschau der beiden Praxisphasen, die erste ausgehend von der Kunst, sowie den folgenden Unterrichtsprozessen mit den Schülern aus der Sicht der Studierenden.
Meine forschende Vorgehensweise verstehe ich dabei selbst wiederum als eine Form der Kartierung. Damit ergibt sich u.a., dass meine Beobachtungen am konkret vorliegenden Material der studentischen Kartierungen ihren Ausgang nehmen, dass der zu erforschende Raum erst mit dem Aufzeigen von Zusammenhängen entsteht und dass die Vorgehensweise meiner Suche sowie die thematisierten Kontexte auch die Struktur der Erkenntnisse bestimmen. Das beinhaltet auch, dass sich damit ein singuläres Vorgehen aus dem Forschungsprozess entwickelt und nicht ein bereits bestehender methodischer Rahmen angewandt wird. Eine solche komplexe und nicht hierarchische Praxis nimmt auch nicht nur eine einzelne Theorie als leitende Logik an, genauso wenig geht sie von einer Evidenz der visuellen Produkte aus.
Leitende Fragestellungen bei der Sichtung und erneuten Kartierung der dokumentierten Prozesse und des entstanden Materials sind:
- Welche besonderen Haltungen ergeben sich allgemein aus der Vorgehensweise des Kartierens als künstlerischer Erkenntnispraxis sowie aus den einzelnen individuellen Kartierungen und in welcher Hinsicht sind sie für die Annäherung an Kunst sowie für die Entwicklung von pädagogischen Situationen und zur Reflexion der eigenen Lehrpraxis hilfreich oder innovativ? (Zur Ausbildung einer Haltung gehört auch die Entwicklung einer spezifischen Wahrnehmungsfähigkeit. Z.B. gehe ich davon aus, dass sich die Beobachtungsfähigkeit der Studierenden durch ihre kartierenden Praxisprozesse erhöht.)
- Lassen sich die jeweils für die Beteiligten entstandenen Bedeutungsräume vergleichen und ergibt sich daraus neue Auswertungsperspektiven oder Bezugsmöglichkeiten?
- Übersetzt sich etwas? D.h. wird etwas zwischen den ausgewählten künstlerischen Arbeiten, den studentischen Kartierungen im Seminar und dem Unterrichtsprozess mit den Schülern als Wiederkehrendes wahrnehmbar?
Das Wiederkehrende kann dabei auf unterschiedlichen Ebenen liegen:
- Thematisch/inhaltlich: Welche Motive, Symbole, Themen tauchen wieder auf?
- Wahrnehmungsformen: Welche Sinne sind besonders angesprochen, worauf wird geachtet? Schnelligkeiten, Rhythmen, besonders inszenierte 'Behinderungen'/Widerstände?
- Welche Medien und Bezugsräume werden kombiniert?
- Rahmungen: Welche Spielregeln oder Handlungsformen werden erfunden? In welchen Bedeutungskontexten stehen sie?
- Gibt es Konstellationen, etwas das von außen wiederkehrt? D.h. wiederholt sich etwas auf der "strukturellen Ebene", obwohl das Material/die Situation anders ist, werden ähnliche Verhaltensweisen, Verknüpfungsarten, Wahrnehmungsmodi beobachtbar.
Beispiel eines kartierenden Blicks zur Auswertung der Prozesse

Beispielsweise ist der Stock ein Element, das in einer künstlerischen Arbeit von Rebecca Horn vorkommt: der 'Chor der Heuschrecken I', 1991, einer Installation mit spieluhrartigem Bewegungsmechanismus.
Die Studentin Christine Haase, die sich diese Arbeit ausgewählt hatte, lässt diesen Stock neben anderen thematischen Schwerpunkten in unterschiedlichen Formen in ihrer Kartierung immer wieder auftauchen (siehe Abb. unten: Sie zeichnet simultan seine Bewegungsgesten, beschreibt ihn in ihren Wahrnehmungs-Texten als Fühler und Blindenstock, thematisiert in weiteren praktischen Arbeiten Phänomene der Einflussnahme trotz einer Distanz und benutzt bei ihrer Performance vor der Installation ihren Stift als Diktier-Stab).
Wiederum in dem von ihr und einer weiteren Studentin durchgeführten Unterricht taucht der Stock einerseits als Hilfsmittel bei Übungen, z.B. zur Erfindung von Gangarten wieder auf, sowie in der Arbeit von zwei Schülern, die ihn als Accessoire bei der Erfindung einer fiktiven Person verwenden. Schließlich vermute ich ihn bei der Begegnung der Schüler mit der Installation von Rebecca Horn, als Christine Haase jedem Schüler einen Diarahmen gibt, damit sie einen Ausschnitt suchen, den sie interessant finden. Bewusst wiederentdeckt wird er von der Studentin selbst allerdings erst am dritten Schultag der Projektwoche. Sie reflektiert den Stock als Medium und erkennt sich in ihrer Lehrerrolle selbst als ein solcher Stock. Seine Wiederkehr geht über einfache Nachahmungen hinaus.
Aufgrund der Dokumentationen bin ich aufmerksam auf etwas geworden, das sich durch die Bilder und Texte hindurch fortsetzt. Es geht aber nicht um den Stock selbst, er wird vielmehr zu einer Geste in unterschiedlichen Situationen. Interessant ist für mich, wie der Stock jeweils eingesetzt wird und was ihn charakterisiert. Meine Frage richtet sich nach dem Medium, das sich durch ihn ergibt: Sind besondere Handlungsformen erkennbar? Was sind mögliche Bedeutungsstiftungen und welche Haltungen können durch ihn ausgelöst werden? Ist es ein Element, das bestimmte Wirksamkeiten mit sich bringt und zu immer neuen Umgangsformen anregt? Es geht nicht um das wieder erkennbare Zeichen Stock, sondern um ein dynamisches System von Bezugnahmen, das sich immer wieder neu bilden kann.
Etwas, das in der künstlerischen Arbeit auffiel, wurde im Prozess der Kartierung aufgegriffen. Durch unterschiedliche Spielregeln und Umgangsformen konnten besondere Haltungen erprobt und herausgearbeitet werden, die auch in anderen Situationen und als Anlass und Motor für Unterrichtsprozesse genutzt werden können.
Anmerkung
Der Arbeitstitel meiner Dissertation, die ich in Bremen bei Maria Peters schreibe, lautet: "Kartierende Auseinandersetzung mit aktueller Kunst und ihre Übersetzungen in kunstpädagogische Prozesse"
Literatur
- Blohm, Manfred: Die Documenta X als Feld für ästhetische Forschungsprojekte von Schülerinnen und Schülern. In: BDK-Mitteilungen Heft 3/1997, S. 24-28
- Brayer, Marie-Ange: Atlas der Künstlerkartographien. Landkarten als Maß bildlicher Fiktion in der Kunst des 20. Jahrhunderts. In: Kunstforum 137/1997: Atlas der Künstlerreisen, S. 54-61
- Brohl, Christiane: Displacement als kunst-pädagogische Strategie. In: BDK-Mitteilungen 3/04, S. 6-10
- Busse, Klaus-Peter: Atlas Mapping in der ästhetischen Praxis. Atlas, Kunst und Unterricht (Teil 3). In: BDK-Mitteilungen 4/98, S. 11-15. Vgl. ders.: Teil 1, BDK 2/98, S. 18-24, Teil 2, BDK 3/98, S. 18-22 sowie "Mapping Revisited" In: BDK-Mitteilungen 2/05.
- Busse, Klaus-Peter: K+U 285/286, 2004, Themenheft: Atlas. Bilder kartografieren.
- Kettel, Joachim u.a. (Hg.): Künstlerische Bildung nach Pisa. Neue Wege zwischen Kunst und Bildung. Oberhausen 2004
- Möntmann, Nina; Yilmaz Dzeiwior; Galerie für Landschaftskunst (Hg.): Mapping a City. Katalog zur Ausstellung 'Mapping a City: Hamburg-Kartierung' im Kunstverein in Hamburg (22.11.03-22.02.04). Ostfildern-Ruit 2004
- Pazzini, Karl-Josef: Kunst existiert nicht. Es sei denn als angewandte. In: BDK-Mitteilungen 2/00, S. 34-39
- Pazzini, Karl-Josef: Zeige-Stöcke und andere Medien. Zur Aggressivität von Medien in der Bildung. In: Schade, Sigrid / Georg Christoph Tholen (Hg.): Konfigurationen. Zwischen Kunst und Medien. München: Fink, 1999, S. 321-337
- Peters, Maria: Perspektiven aus der Kunstpädagogik. In: Mechthild Dehn, Thomas Hoffmann, Oliver Lüth, Maria Peters: Zwischen Text und Bild. Schreiben und Gestalten mit neuen Medien. Freiburg im Breisgau, 2004, S. 22-37
- Sabisch, Andrea: Inszenierung der Suche. Unveröffentlichtes Vortragsmanuskript (Frauen-Kunst-Pädagogik-Tagung). Paderborn 2003 und vgl. ihren Beitrag zu dieser Veranstaltung
- Sturm, Eva: Von Kunst ausbilden. In: Landesverband der Kunstschulen in Niedersachsen e.V. (Hg.): bilden mit kunst. Bielefeld, 2004, S. 135-147








