Universität Flensburg

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Die bekannte Kunstakademie - Mimar Sinan Güzel Sanatlar Universität - in Istanbul gehörte zu unseren Stationen einer Exkursionsreise.

Oktober 2007. Wir werden durch die Abteilung Textil und Mode geführt, betrachten Design-Entwürfe, Dokumentationen eines Land-Art-Projektes und diskutieren längere Zeit vor Siebdrucken einer Semesterveranstaltung.

In der Nachbesprechung mit den Lehrenden entwickelt sich eine Projektidee. Am Anfang stehen Fragen:

Gibt es kulturelle Unterschiede im Umgang mit textilen Mustern? Werden Muster auf unterschiedliche Art und Weise kulturell ‚gebunden’ gelesen und entsprechend auf dieser Grundlage weiterbearbeitet? Ist ihre Wirkung auf den Menschen insbesondere im Zusammenhang mit seiner kulturellen Sozialisation beschreibbar? Gibt es ein kulturell geprägtes ‚inneres Wissen’ im Umgang mit Mustern?

Vor dem Hintergrund dieser ersten Fragen entsteht die Idee an zwei Standorten – in Flensburg wie in Istanbul – textile Oberflächendesigns unter vergleichbaren Bedingungen zu entwerfen.

Der Grundsatz, nicht wie üblich und immer neu auf weißem Grund mit einem Entwurf zu beginnen, sondern vorhandene textile Muster als Ausgangspunkt zu nutzen, überzeugt im Verlauf unserer planenden Diskussion und soll beibehalten werden.

Wir geben zwei Grundmuster vor, die im kulturellen Kontext der Region Flensburg, Norddeutschland zu verorten sind, und dazu zwei weitere Grundmuster, die Istanbul und die Westtürkei repräsentieren. Alle vier werden dann an beiden Orten als zu bearbeitende Flächen neuer Musterentwürfe verwendet und durch digitale Bild-/Musterbearbeitungen weiterbearbeitet.

Am Ende unserer Nachbesprechung steht somit eine gemeinsame Aufgabenstellung für Studierende in Istanbul wie in Flensburg, deren Ergebnisse im weiteren Verlauf des Projektes in Ausstellungen an beiden Orten präsentiert und diskutiert werden sollten.

Im Wintersemester 2007/2008 beginnt die textile Gestaltungspraxis. Im Rahmen des Seminars ‚Angewandte Ästhetik I’ (Dozentin: Sonja Hinz), in dem turnusgemäß die textile Oberflächengestaltung thematisiert wird, werden erste Entwürfe auf der Basis der ausgewählten Grundmuster in Flensburg realisiert.

Weitere Entwürfe folgen im anschließenden Sommersemester 2008, an dessen Ende die Vorbereitung der ersten gemeinsamen Ausstellung in der Istanbuler Kunstakademie im Oktober 2008 steht.

Mai 2009. In der Galerie der Universität Flensburg ‚Modul 1’ findet in Anwesenheit der Dozenten aus Istanbul die ‚Gegen’-Ausstellung statt.

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Abb. 1: Die vier Basismuster (1) ‚Whirling bloom’, (2) ‚Derwish dancer’, (3) ‚Faces’, (4) ‚Writings’
(1) + (2) wurden von den Istanbuler Dozenten, (3) + (4) von den Flensburger Dozenten ausgewählt.

Einige Ergebnisse:

  • Die Grundmuster ‚Faces’ und ‚Whirling bloom’ wurden sowohl von den Istanbuler wie von den Flensburger Studierenden am häufigsten als Gestaltungsausgangspunkt gewählt.
  • Die erste Hypothese, dass sich die Entwürfe der Istanbuler Studierenden durch eine kräftigere und kontrastreichere Farbgebung auszeichnen, ist nach vielfältigen Gegenüberstellungen aufgegeben worden.
  • Demgegenüber sind in den Entwürfen der Istanbuler Studierenden häufiger ‚verspieltere’ Elemente wie Schnörkel und vegetative Stilisierungen wie Ahornblätter, Blütenstauden, etc. genutzt worden.
  • Die Muster unterscheiden sich in der Kompositionsbildung. Den Entwürfen der Flensburger Studierenden liegt vor allem die Strategie einer strengen Reihenbildung zugrunde und gibt den Entwürfen ein ‚geometrisierendes’, grafisches Erscheinungsbild. Als maßgeblich diesen Unterschied verursachend kann nicht die ‚kulturelle Sozialisation’ der Studierenden in Flensburg ausgemacht werden, sondern eher ihre ‚fachpraktische Sozialisation’. Das Flensburger Curriculum sieht als Lehrinhalt das Kennenlernen und Einüben einer Rapportreihung vor, während die Istanbuler Dozenten versuchen, durch Verschiebungen und Überlagerungen eine präzise Aneinanderreihung des Rapports zu vermeiden.
  • Am Ende der Vergleiche und Gegenüberstellungen steht die übereinstimmende Erkenntnis: Die Suche nach kulturell identifizierbaren, prägnanten Merkmalsunterschieden wird aufgegeben. Stattdessen:
  • Nachweisbar ist keine Tendenz der Abgrenzung sondern eine Angleichung in den Musterentwürfen an den unterschiedlichen Standorten. Wir stellen fest, dass es Betonungen in der ornamentalen Ausschmückung der Muster der Istanbuler Studierenden gibt, die als Ergänzungen zu sehen sind und nicht als ein „So ist das bei uns und so bei denen!“ Die Musterentwürfe können als Zeugnisse zusammenwachsender Kulturen interpretiert werden, - erstellt von jungen Erwachsenen.

Die das Projekt initiierten Fragestellungen treten nun in den Hintergrund. Neue Akzentuierungen haben sich herausgebildet:

Welche Möglichkeiten der Musterinterpretation wurden angewendet? Gibt es institutional inspirierte Vorlieben in der weiteren Gestaltung? Spiegeln sich die unterschiedlichen Studiengänge in Flensburg und Istanbul in den Entwürfen wider?

Die Perspektive wird auf Momente des Übergangs und der Verflechtung gelenkt. Verflechtungen, Übergänge, Durchmischungen, Gemeinsamkeiten – das sich die Stichworte, die die Analyse nun neu prägen!

Das Konzept der Transkulturalität (Welsch 1995, 2001) findet seine Anwendung, es verweist auf ein anderes Bild vom Verhältnis der Kulturen: Nicht die Isolierung einzelner Teile, ihre Separierung, sondern Interaktion und Verstehen verweisen auf eine Durchmischung von Eigenem und Fremden – in den Mustern wie in den Personen. Das Fremde wird fließend und fügt sich ein. Es wird keine ‚fremde Kultur’ markiert, sondern es wird die Spannung zwischen beiden Aspekten als produktiv interpretiert.

Es gilt: „Wir sind uns alle fremd und auch eigen!“

Abb. 2: Ausschnitte aus Musterentwürfen der Studierenden aus Istanbul und Flensburg

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